Karneval in Brasilien
Rechtzeitig zu unserem Weiber-Fasching heute hier in Deutschland eine kleine Geschichte und Informationen zum Karneval in Brasilien / Rio – der größten Party der Welt.
Die kleine Büglerin aus der Favela wird für eine Nacht zur Königin ihrer „escola”, der arbeitslose Analphabet zum Haupttrommler, ohne den nichts geht: Das ist Karneval, das Wahnsinnsfest, das (fast) alle Brasilianer zu verschmelzen scheint, die Weißen aus den feinen Villenvierteln und die Schwarzen aus den Slums, die Polizisten und die Diebe, die Prostituierten und die höheren Damen der Gesellschaft. Vier Tage lang wirkt besonders Rio trunken vor Lebenslust, aufgelöst in einem Rausch aus Sambarhythmen, Tanz und dem hypnotisierenden Dauerton der „baterias”, der Perkussionsinstrumente.
Auch in Salvador da Bahia ziehen die prunkvollen Festzüge durch die Stadt, bis in die Morgenstunden von lärmenden Menschenmassen begleitet. Zwischen den „Trio Electricos”, den überverstärkten Musikgruppen auf ihren Lastwagen, mischen sich die gedämpft betörenden Afoxé-Gruppen, die es nur in Bahia gibt.
In den Dörfern von Bahia kann man heute noch Hunderte vermummter Gestalten umherlaufen und symbolisch auf Passanten einschlagen sehen: ein Überbleibsel aus Kolonialzeiten, als die Sklaven sich einmal im Jahr nach Herzenslust austoben und frei fühlen durften, aber stumm und wohl zur eigenen Sicherheit vermummt.
In Pernambuco ist der Straßenkarneval nicht von den Rhythmen des Sambas, sondern des Frevos erfüllt. Mit bunten Schirmen in der Hand ziehen Tänzer in schnellen, fast akrobatischen Sprüngen und choreographisch genau einstudierten Bewegungen durch die Städte.
In Recife zeigen sich die Maracatu-Gruppen mit üppig geschmückten Masken und eigener Königin hoch unter einem Baldachin. Jede dieser Gruppen vertritt ein afrikanisches Land – auch hier ein geschichtlicher Rückgriff.
Für die Touristen ist der Karneval in Brasilien eine der beeindruckenden, vielleicht auch aufregendsten Shows der Welt. Wenige ahnen, was da an ununterbrochenem
Einsatz dahinter steht. Schon im August müssen die einzelnen Sambaschulen ihr Motto für den Umzug festgelegt haben. Das Thema ist immer ganz und gar brasilianisch – und wird auf dem Motivwagen von Sängern und Tänzern vorgetragen. Ab Oktober sind die Proben meist voll im Gange: Komponisten, Musiker, Liedertexter, Tanzgruppen, Designer, Choreographen und nicht zuletzt die Näherinnen, die teilweise bis zu 4000 Mitglieder einer Schule in Glitzerkostüme einkleiden müssen, sie alle arbeiten wie die Besessenen.
Spätestens zu Weihnachten müssen die Schlager für den Karneval aus Millionen Radios ertönen, damit die Menschenmassen sie kennen und mitsingen können. Die Favelas sind die Seele des Karnevals, doch, seit 1984 die Paraden nun im eigens dafür erbauten Sambódromo stattfinden, sucht man den ursprünglichen Straßenkarneval in Rio vergeblich. Nur Touristen und betuchte Brasilianer können sich die Eintrittskarten leisten.
Im Gegenzug dazu findet man in Salvador da Bahia einen sehr ausgeprägten Straßenkarneval, bei dem sogar die eigene Teilnahme, auch als Tourist, ein Leichtes ist. Mit dem Erwerb eines so genannten Abadá, einer legeren Kostümierung, bestehend aus Turnhose und bunt bedrucktem T-Shirt und zwei großen Pompons, kann man selbst an der rauschenden Parade mitmachen und sich von der Musik und dem Tanz hinreißen lassen.
Ein Geheimtipp ist die Kolonialstadt Ouro Preto in Minas Gerais, die eine eigene Karnevalshochburg ist. Touristen und Einwohner amüsieren sich auf den Straßen mit Musik kleiner Kappellen und Studentenbands. Aufgrund der Universität gibt es hier viele Studentenwohnheime. Die Zimmer werden zur Karnevalszeit von den Studenten selbst zum vermieten angeboten.
Insgesamt sind brasilianische Karnevalstage ein Fest unter liebenswerten, gastfreundlichen Menschen die sich auf Ihren Besuch freuen und Sie mit in diesen Strudel von Musik und Tanz einbeziehen.
Eva Pfleghar am 19. Februar 2009 in Brasilien, Reisetipps
