Seiner politischen Überzeugung ist der Jahrhundert-Architekt Oscar Niemeyer stets treu geblieben. Der Brasilianer, der am 15. Dezember 103 Jahre alt geworden ist, ist Kommunist und Fürsprecher der Armen, von denen es in Brasilien – Aufschwung her, Aufschwung hin – noch sehr viele gibt.
Der Mann der die Haupststadt Brasília am Reißbrett entwarf und das UN-Hauptgebäude in New York mitplante, ist umtriebig. Er zeichnet und entwirft und erfindet sich immer neu. Jetzt ist Niemeyer unter die Samba-Komponisten gegangen.
Der Song heißt «Tranquilo com a vida» (In Frieden mit dem Leben) und handelt vom Leben in der Favela, einer Armensiedlung. Niemeyer schrieb Text und weite Teile der Musik. Das Stück entstand Ende vorigen Jahres, als er nach einer Operation in Rio das Krankenbett hüten musste. In diesem Monat soll das Lied vorgestellt werden.
Als Architekt hat Niemeyer bereits Weltruf. Viele seiner spektakulärsten Bauten stehen in Brasilien. Bekannt sind vor allem die futuristischen Gebäude Brasílias. Er entwarf aber auch in Italien, Spanien, Frankreich, Israel und vielen anderen Ländern rund um die Erde. Der Mann, der die geschwungenen Kurven liebt und nach Worten des französischen Star-Architekten Le Corbusier die Berge Rios in den Augen hat, wurde am 15. Dezember 1907 als eines von sechs Kindern eines deutschstämmigen Kaufmanns in Rio geboren.
Nach dem Architektur-Studium begann durch die Zusammenarbeit mit seinen Vorbildern Lucio Costa und Le Corbusier der Aufstieg. Nachdem er 1943 mit dem Bildungs- und Gesundheitsministerium in Rio internationales Renommee erlangt hatte, war er 1947 prägend am Entwurf des UN-Gebäudes in New York am East River beteiligt. Dann folgte Ende der 50er Jahre die Hauptstadt Brasília, die er gemeinsam mit Lucio Costa schuf. In Deutschland baute er ein Wohnhaus für das Hansaviertel in Berlin (1957).
Die Arbeit war und ist für den 103-Jährigen Lebenselixier. Auch heute ist Niemeyer fast täglich in seinem Büro an Rios Copacabana anzutreffen, und daran will er nichts ändern, wie er jetzt kundtat: «Ich sage immer, ich bin 60 und bin froh, dass ich alles tun kann, was ich in diesem Alter gewohnt war zu tun. Arbeit hält mich beschäftigt. In meinem Alter ist es besser, beschäftigt zu sein, und nicht so viel Zeit damit zu verbringen, über Nichtigkeiten nachzudenken.»
Marc Merkle am 15. Dezember 2010 in Brasilien